Und wenn die Welt voll Teufel wär, wir folgen Dir zu Ruhm und Ehr‘

Alte und neue Lieder der Sudetendeutschen

Seit der Verbreitung der Finkensteiner Singbewegung in den 1930er Jahren sind die Sudetendeutschen sehr sangesfreudig. In den Familien, bei geselligen Zusammenkünften und bei öffentlichen Veranstaltungen wurde und wird immer viel gesungen — nicht nur vorgesungen. Kirchenlieder, besonders Marienlieder, Krippenlieder, Volkslieder, Kinderlieder waren ein gut gepflegter Bestand im Kulturverständnis der Sudetendeutschen. Ich schätze, dass zur Zeit der Vertreibung jeder Erwachsene etwa 30 Lieder kannte, viele 200 und mehr. Nur so ist zu verstehen, dass nach meiner Erinnerung gerade die Sudetendeutschen während der Vertreibung und danach — in den Lagern, bei verschiedenen Zusammenkünften und in Familien — so viel gesungen haben. Es wurden alte Volkslieder gesungen und neue Lieder verbreitet.


  Die geliebten alten Volkslieder

Dank der Bildung in den Schulen, in der Singbewegung und in den Gruppen sangen die Sudetendeutschen besonders gerne überlieferte Volkslieder, die sich zwar weit verbreitet haben, aber trotzdem die Eigenart der stammlichen Vielfalt der Volksgruppe behielten. Diese mitgebrachten Lieder wurden 1945 und werden bis heute auch als Bekenntnis zur Heimat und Heimatreue gesungen. Sie sind dafür auch gut geeignet, drücken sie doch die Lebenserfahrung und das Heimweh von Gruppen aus, von denen seit zwei Jahrhunderten aus Not viele Landsleute ausgewandert sind.

Das Heimatlied der Böhmerwäldler (komponiert von A. Milz) wird von allen Sudetendeutschen gerne gesungen, ist doch seine Schlusszeile ein Versprechen:

Tief drin im Böhmerwald, da ist mein Heimatort,
es ist so lang schon her, dass ich von dort bin fort . . .   .
. . . und rufe stets gewiss, dass ich den Böhmerwald ja nie vergiss!

Die Egerländer singen in einer dem sogenannten Egerländer Marsch unterlegten Textzeile:

. . . und wenn die Welt voll Teufel wär’
wir folgen Dir zu Ruhm und Ehr’

Erzgebirgler diesseits und jenseits der Grenze (im böhmischen und im sächsischen Erzgebirge) singen fast nur noch die Lieder von Anton Günther, die dieser zwischen 1900 und 1938 schuf, und von denen einige richtige Volkslieder wurden. Von den Vertriebenen wurde besonders gern gesungen:

Vergaß dei Haamit net, su singt jed’s Vögela,
vergaß dei Haamit net, su rauscht der Wald…
vergaß die Haamit net, dort is dei Halt!.

Die Vertriebenen aus dem Riesengebirge und alle Sudetendeutschen sangen und singen oft und gern das von O. Fibiger komponierte Lied:

Blaue Berge, grüne Täler, mitten drin ein Häuschen klein,
herrlich ist das Stückchen Erde, denn ich bin ja dort daheim…
Riesengebirge, deutsches Gebirge, meine liebe Heimat du!

Man könnte die Reihe noch lange fortsetzen. Diese als Beispiel zitierten Lieder sind nur ein Teil des bis heute lebenden Liedschatzes der Sudetendeutschen. Noch heute werden gerne und oft die Volkslieder, Hirtenlieder, Kirchenlieder aus der Heimat gesungen.


  Verbreitung einzelner Lieder

Viele Volkslieder der Sudetendeutsch sind in deutschsprachigen Gruppen und in Übersetzungen in fremde Sprachen darüber hinaus verbreitet. Beispielhaft seien genannt das weit bekannte Wiegenlied, das erst in der Mundart seiner nordmährischen Heimat seinen ganzen Charme entfaltet:

Kendla mei, schlof ock ei, weil die Sternla kumma.
Und der Mond kummt a schon wieder ogeschwumma.
Eia Wiegla, eia mei, schlof ock Kendla, schlof ock ei.

Auch die nachfolgenden und andere sudetendeutsche Volkslieder sind in Schul-Liederbüchern und der anderen Literatur oft zu finden:

Auf, auf Ihr Wandersleut, zum Wandern kommt die Zeit . . .
Auf de Barch, do is halt lustich . . .
Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben . . .
Es blies ein Jäger wohl in sein Horn . . .
Hans (in Bayern: Sepp) bleib do . . .
Kommet ihr Hirten . . .
Maria zu lieben . . .
Unser Bub, der Hansel . . .
Und in dem Schneegebirge . . .


  Spielscharen und etwa 200 Kulturgruppen

Die Erhaltung und Verbreitung der alten und neuen Lieder der Sudetendeutschen ist ganz sicher der aktiven Arbeit und Liedpräsentation durch gute Chöre innerhalb der Sudetendeutschen Landsmannschaft zu verdanken.

In den Lehrerbildungsanstalten auch im Sudetenland bestanden vor 1945 gute Chöre und Spielscharen. Einige dieser Gemeinschaften haben sich gleich nach der Vertreibung wieder zusammengefunden. Bis 1954 wurden folgende regionale und überregionale Spielscharen wiedergegründet, die mit anspruchsvollen Programmen und hoher Qualität ihres Vortrags im In- und Ausland auftreten:

Der Iglauer Singkreis,
die Adalbert-Stifter-Gruppe Darmstadt.
die Böhmerwald Sing- und Trachtengruppe München,
die Böhmerwaldspielschar Baden-Württemberg,
die Schönhengster Sing- und Spielschar,
die Südmährische Sing- und Spielschar (heute „Cantat Moravvia“).

Auch auf örtlicher Ebene haben sich in ganz Deutschland innerhalb der Sudetendeutschen Landsmannschaft Chöre sowie große und kleine gute Sing- und Musiziergruppen gebildet, die im weiten Umkreis bei Veranstaltungen auftreten. Besonders zahlreich sind diese Kulturgruppen im Deutschen Böhmerwald-Bund und im Bund der Egerländer Gmoin.


  Neue Lieder

Unmittelbar nach der Vertreibung entstanden neue Lieder. Sie wurden teilweise mündlich weitergeben und sind daher nur teilweise erhalten. Später wurden solche Lieder auf Postkarten oder sogar in den ersten Verbandsliederbüchern gedruckt und verbreitet.


  „Heimwehlieder“ der Vertriebenen

Oft wurden bekannte Lieder neue Texte unterlegt, zum Beispiel wurde der Melodie zu dem Lied Wahre Freundschaft soll nicht wanken . . . folgender Text unterlegt (diese Version wurde bis in die 1960er Jahre viel gesungen:

Hohe Tannen weisen die Sterne an der Iser wild springender Flut.
Liegt die Heimat auch in weiter Ferne – Du, Rübezahl hütest sie gut . . .

Andere Lieder wurden neu gedichtet und komponiert, sie verbreiteten sich mündlich und schriftlich schnell, ich nenne als Beispiel:

Landsmann, hörst du nicht die Lieder, die durchs weite Deutschland weh’n.
In die Heimat möchte ich wieder – kannst Du ihren Ruf versteh’n?


  Lieder der Sudetendeutschen Jugend (SdJ)
  und Deutschen Jugend des Ostens (DJO)

Die DJO – Jungenschaft Würzburg verbreitete ein selbst gedichtetes und komponiertes Lied:

Und wieder ist Notzeit zu tragen, sind Menschen ohn’ Heimat, ohn’ Haus,
und wieder erhebt sich ein Fragen: Was führt aus dem Elend heraus?
 
Der Pfeil auf unserer Fahne, weist mahnend ins ostdeutsche Land.
Die Heimat zurück zu gewinnen sind unsere Herzen entbrannt.

Einige Singeleiter (Chorleiter) der SdJ haben mehrere Lieder von Dichtern vertont und verbreitet. Eines der ersten wurde von Kurt Richter nach Worten von Rolf Nitsch vertont:

Wir stehen in der Runde. Das Band, das uns umschließt,
ist das der fernen Heimat, die keiner je vergisst:
Heute und morgen gilt unser Sorgen,
Heimat, du deutsches Land, gilt dir allein . . .

Fritz Jeßler komponierte mit dem Text von Herbert Wesssely das gern gesungene Lied:

Uns drängt’s den Tag zu feiern, der früh aus Dämmerung
Und grauen Morgenschleiern einher kommt hell und jung . . .

Oder dieses nach Worten von Herbert Böhme:

Ist nun der Tag vollbracht, gehen wir und wandern
Und sagen gute Nacht einer zum andern…

Adolf Seifert dichtete und komponierte nach dem Krieg dieses Lied:

Heilge Heimat, Land in Not, ewig sind wir dir verschworen,
trotzen Lüge, Hass und Tod, geben nimmer dich verloren,
schirmen stets mit starker Hand Recht und Volk und Land.

Von einem Unbekannten stammt dieses Lied:

Heimat, dir ferne leuchten uns Sterne,
brennt uns die Sonne, braust uns der Sturm.
 
Und unser Leben und unser Streben,
Heimat, dir ferne gilt dir allein.
 
Du gibst uns Stärke für unsre Werke,
Heimat, dein Wille sei uns Gebot!

Willi Homeyer schrieb Anfang der 1960er Jahre eines der schönsten und wohl zeitlosen Lieder für die SdJ:

Herr, gib uns Frieden, Frieden ohne Ende,
dass sich die Not von uns wende!
 
Gib Kraft dem Wort auch, stärke unsre Herzen,
schütz uns vor Not und vor Schmerzen!
 
Herr, gib uns Frieden, Frieden ohne Ende,
segne das Werk unsrer Hände!


  Liederbücher, Liederblätter

Schon bald nach ihrer Gründung, also nach 1950, begannen die SdJ und die DJO, die Walther-Hensel-Gesellschaft und der Heiligenhof durch Liedblätter in den Gruppen Volkslieder und neue Lieder zu verbreiten. Fast alle Spielscharen, Heimatgruppen, Kulturgruppen druckten Liedblätter und bald auch Liederbücher.
Einige Liederbücher seien genannt:

1953 erschienen: Der silberne Pfeil (Voggenreiter Verlag Bad Godesberg),
1964 erschienen: Windrose (Möseler Verlag Wolfenbüttel),
1973 erschienen: Blüh nur, blüh, mein Sommerkorn (Bärenreiter Verlag Kassel).

Die Stadt Wetzlar begründete eine Patenschaft für das ostdeutsche Lied mit einem Archiv. Sein Leiter Edgar Hobinka stellte ein Liederbuch zusammen:

1964 erschienen: Brücke zur Heimat (Herausgeber: Stadt Wetzlar).


Walli Richter (Stand: September 2010)

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